A&W-INTERVIEW
„Aus dem Bauch raus funktioniert‘s nicht!“

Helmut C. Roider
07.09.2011 –
A&W-Redakteur Peter Leveringhaus befragte IGeL-Experte Helmuth C. Roider, worauf Niedergelassene beim IGeLn ganz besonders achten sollten, für welche Praxen IGeL überhaupt sinnvoll sind und wie‘s um die Zukunft der Selbstzahlerleistungen steht.
Sagen Sie mal, wie IGeLt man richtig?
Wichtig ist eine gezielte IGeL-Strategie. Nur aus dem Bauch raus funktioniert‘s nicht. Viele Ärzte lassen sich auf Kongressen für bestimmte Angebote begeistern. Aber das ist nicht zielführend. Erst müssen alle Mitarbeiter von einer neuen Behandlung überzeugt sein. Und man darf die Patienten nicht mit allen möglichen Angeboten überfordern, sondern sie gezielt auf sinnvolle Leistungen ansprechen. Nur ein neues Gerät anschaffen und damit IGeLn bringt nichts.
Ist IGeLn für jede Hausarztpraxis sinnvoll?
Es gibt IGeL, die sollte jeder Hausarzt berücksichtigen, Grippeschutz etwa. Für Mütter mit vielen Kindern oder Selbstständige, die sich längeres Fehlen gar nicht erlauben können, ist das überaus sinnvoll. Oder Patienten, die vor einer Tropenreise zu den Impfungen noch eine Tauchtauglichkeitsprüfung brauchen. Aber es sollte passen.
Und wenn Patienten zusätzliche Leistungen andernorts billiger kriegen?
Gerade im Internet-Zeitalter experimentieren Patienten in Selbstmedikation mit dubiosen Arzneien aus ebensolchen Webportalen. Ein verantwortungsbewusster Hausarzt macht seinen Patienten da klar, dass es für die Gesundheit allemal besser ist, bei einem seriösen Arzt IGeL zu nutzen. IGeL sind keine Geschäftemacherei. Dieses Image ist falsch. IGeL sind nur dann falsch, wenn sie – was in Einzelfällen vorkommt – unsinnig und aggressiv beworben werden.
Wie soll ein Arzt eigentlich gezielt IGeLn, wenn er ohnehin kaum Zeit dafür hat?
Wer sein Wartezimmer im Fünf-Minuten- Takt leert, braucht Freiraum und Hilfe. Ein Partner in der Praxis oder ein Praxis-Manager, Mitarbeiterschulungen, eine spezielle IGeL-Sprechstunde, – all das kann sinnvoll sein.
Warum haben Ärzte wegen IGeL oft ethische Bedenken?
Das ist in meinen Augen vollkommen ungerechtfertigt. Jeder selbstständige Arzt ist immer auch ein wenig Unternehmer. Er kann nicht aus Prinzip unentgeltlich arbeiten. Und: Eine hohe ethische Berufsauffassung und betriebswirtschaftliches Denken schließen sich doch nicht aus! Ärzte mit IGeLAngeboten handeln nicht unethisch. Wer aus Frust über die Gesundheitspolitik seine Praxis dicht macht und Patienten aussperrt oder aus Zorn seine Kassenzulassung zurückgibt und nur noch Privatpatienten behandelt – der verhält sich meiner Meinung nach unethisch.
Wird IGeLn in Zukunft noch wichtiger?
Ich bin sicher, dass die Bedeutung von Selbstzahlerleistungen deutlich steigen und diese sich zu einer dritten Finanzierungsart entwickeln werden. Die GKV wird bei einer bei immer älteren Bevölkerung und immer weniger Beitragszahlern vor allem für Chroniker und Schwerkranke da sein müssen. Die PKV wird es sich aus denselben Gründen vermutlich immer seltener leisten können, den bis zu 2,3-fachen oder 2,5-fachen Satz zu bezahlen. Die Kosten durch Volkskrankheiten wie Depressionen und Sucht nehmen zu und liegen bereits an dritter Stelle. Ärzte werden künftig stärker auch Seelentherapeut sein müssen, der Patienten bei den Problemen im Alltag hilft. Kurzum: Immer mehr Menschen werden in Zukunft mit der normalen Versorgung nicht mehr behandelt werden können, weil die Kassen das nicht tragen werden.
Müssen Ärzte also umdenken?
Im Gesundheitsmarkt werden jährlich bereits 280 Milliarden Euro ausgegeben. In 2010 sind angeblich allein im Wellnessmarkt schon 20 Milliarden Euro umgesetzt worden. Die Nachfrage ist also da und wird zunehmen. Es kommt halt darauf an, dass die Ärzte mit ihrer alleinigen medizinischen Kompetenz sich nicht von allen möglichen Geschäftemachern im Gesundheitsmarkt das Wasser abgraben lassen. Da gibt es genügend Anbieter, denen eine ärztliche Kompetenz vollkommen fehlt und die zudem keinerlei moralische Bedenken haben. Deshalb: Schon heute als Arzt damit beginnen, die eigene Praxis auf IGeL einzustellen!
Helmut C. Roider ist Geschäftsführer der Firmengruppe Maier + Roider, zu der auch „IGeldoc“ gehört
(07.09.2011)
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